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Schlaf- und Beruhigungsmittel

Überblick

Schlaf- und Beruhigungsmittel der Art Benzodiazepine nehmen unter den psychoaktiven Substanzen einen besonderen Platz ein. In erster Linie sind sie Medikamente mit unbestrittenen Indikationsfeldern, sie können aber auch ihre medizinische Funktion verlieren und zu Drogen werden, deren Gebrauch als problematisch angesehen werden kann. Es ist mehrfach belegt, dass ein langanhaltender Gebrauch von Benzodiazepinen in der Regel zu einer erhöhten Toleranz des Organismus und zu einer physischen Abhängigkeit führt, welche durch das Auftreten von Entzugssymptomen bei Aussetzung der Einnahme charakterisiert ist. Ausserdem ist der langanhaltende Gebrauch mit verschiedenen Risiken, insbesondere bezüglich des Erinnerungsvermögens und der psychomotorischen Koordination, verbunden (Lader, 2011).

Gegenwärtige Situation

Schlaf- und Beruhigungsmittelgebrauch in der Schweizer Wohnbevölkerung
Die neusten Daten der CoRolAR-Befragung 2015 zeigen, dass 6.3% der befragten Personen ab 15 Jahren in den letzten 30 Tagen vor der Befragung Schlaf- oder auch Beruhigungsmittel genommen haben, wobei der Anteil bei Frauen höher liegt als bei Männern (8.5% resp. 4.2%). Bezogen auf die Gesamtpopulation steigt der Anteil mit Einnahme (in den letzten 30 Tagen) mit dem Alter deutlich an: während 2.0% der Personen unter 20 Jahren angaben, solche Substanzen genommen zu haben, lag der Anteil bei Personen ab 75 Jahren bei 13.6%.

Schwellen des Problemgebrauchs
Die Einnahme von benzodiazepinartigen Schlaf- oder Beruhigungsmitteln kann bei einer täglichen und langanhaltenden Einnahme (seit mehreren Monaten) als problematisch angesehen werden. Die Resultate der CoRolAR-Befragung 2015 zeigen, dass bei Personen mit Einnahme von Schlaf- oder auch Beruhigungsmitteln während der letzten 30 Tage etwa die Hälfte angibt, diese seit mehr als einem Jahr fast täglich einzunehmen (vgl. Abbildung CoRolAR - Häufigkeit und Dauer der Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, nach Geschlecht und Alter (2015)). Hochgerechnet auf die Schweizer Bevölkerung ab 15 Jahren entspricht diese geschätzte Zahl der Personen mit problematischer Einnahme ungefähr 157'000 Personen (101'000 Frauen, 56'000 Männer). Allerdings ist die problematische Einnahme ungleich über die Altersgruppen verteilt: während weniger als ein Prozent der jungen Frauen und Männer unter 35 Jahren betroffen sind, geben mehr als 5.3% der Personen ab 70 Jahren eine solche Einnahme an (Männer: 3.7%, Frauen: 7.6%).

CoRolAR - Häufigkeit und Dauer der Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, nach Geschlecht und Alter (2015)

Anmerkungen:Fragen: "Haben Sie in den letzten 30 Tagen Schlaf- oder Beruhigungsmittel genommen?", wenn ja "An wie vielen Tagen haben Sie in den letzten 30 Tagen Schlaf- oder Beruhigungsmittel genommen?", wenn (fast) jeden Tag "Wie lange nehmen Sie schon Schlaf- oder Beruhigungsmittel in diesem Ausmass?".
Prozente wurden gewichtet in Bezug auf die Gesamtpopulation berechnet.
Quelle:Eigene Berechnungen basierend auf der CoRolAR-Befragung 2015

Ausserdem zeigen die Ergebnisse der CoRolAR-Befragung 2014, dass der Anteil der Personen mit problematischer Einnahme (tägliche Einnahme seit mehr als einem Jahr) in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz (2.9% der Gesamtpopulation) als in der deutschsprachigen Schweiz (2.0%; Tabelle). Gleichermassen für alle drei Sprachregionen gilt, dass die Einnahme von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln mit dem Alter stark ansteigt und dass etwa die Hälfte aller Personen mit Einnahme während der letzten 30 Tage eine problematische Einnahme aufweist.

Was schliesslich die missbräuchliche Einnahme von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln bei Jugendlichen angeht, deuten die Ergebnisse der HBSC-Befragung 2014 darauf hin, dass etwa 3% der 15-Jährigen in ihrem Leben bereits Medikamente genommen haben, um sich zu berauschen. Dieser Anteil lag bei Mädchen gleich hoch wie bei Jungen (2.9% resp. 2.8%).

Entwicklung und Tendenzen

Allgemeine Konsumtrends
Der Anteil der Personen in der Schweiz, die Schlaf- oder Beruhigungsmittel nehmen, hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Zwischen 1992 und 2012 blieb der im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB) geschätzte Anteil täglicher Einnahmen mit 8% stabil. Die Daten der SGB erlauben es jedoch nicht, für die problematische Einnahme einen auf der Dauer und Häufigkeit basierenden Schwellenwert zu bestimmen. So ist es nicht möglich, die Entwicklung des problematischen Gebrauchs von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln zu schätzen.

Auch die Verkaufszahlen blieben in den letzten 15 Jahren verhältnismässig stabil (etwa 7.5 Millionen verkaufte Packungen pro Jahr). Momentan gibt es keine Daten, die es erlauben, die Entwicklung bei den Verkäufen übers Internet zu verfolgen. Gleichwohl deuten die Ergebnisse der CoRolAR-Befragung 2011 auf ein begrenztes Ausmass hin: weniger als einer von 1000 Einnehmenden gab an (0.1%), das Internet als Quelle für die Beschaffung genutzt zu haben.

Indikatoren der Problemlast

Obgleich die Einnahme mehrheitlich unter ärztlicher Aufsicht geschieht, folgt auf die langfristige Einnahme von Schlaf- und/oder Beruhigungsmitteln oftmals die Entwicklung einer Abhängigkeit mit unterschiedlichen unerwünschten Effekten wie Koordinations-, Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsproblemen (Lader, 2011). Bei älteren Personen erhöhen diese Effekte das Risiko von Stürzen und Knochenbrüchen erheblich (Cumming & Le Couteur, 2003). Allerdings kann das Ausmass der durch den langfristigen Gebrauch von Benzodiazepinen entstehenden Schäden nur schwer geschätzt werden, umso mehr, da ihre Rolle dabei nicht immer wahrgenommen wird.

Hospitalisierungen
Basierend auf den Daten der Medizinischen Statistik der Krankenhäuser kann festgestellt werden, dass die Abhängigkeit von Schlaf- oder auch Beruhigungsmitteln, insbesondere bei den sekundären Problemen, häufiger vorkommt als Vergiftungen (sekundäre Probleme im Jahr 2008: 65.4 Fälle von Abhängigkeit und 9.9 Fälle von Vergiftungen auf 100'000 Einwohner). Ausserdem nahmen die Vergiftungsfälle über die Jahre ab, während die Fälle von Abhängigkeit insgesamt stabil blieben.

Spezialisierter Behandlungsbereich
Basierend auf dem Monitoringsystem act-info kann geschätzt werden, dass psychotrope Medikamente bei etwa 1% der wegen Suchtproblemen in Beratungsstellen oder spezialisierte stationäre Einrichtungen aufgenommenen Personen das Hauptproblem darstellen. Diese Substanzen stellen bei etwa 10% der aufgenommenen Personen ein sekundäres Problem dar.

Verkehrsunfälle
Trotz einer Stagnation bei den Prävalenzraten, der Verkaufszahlen und der Anzahl der Abhängigkeitsprobleme, scheint die Einnahme solcher Medikamente zunehmend Probleme darzustellen. So hat sich die Anzahl der Verkehrsunfälle unter angenommenem Einfluss von Medikamenten in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.

Mortalität
Die Anzahl Todesfälle wegen Medikamentenmissbrauchs hat zwischen 1995 und 2008 zugenommen (127 resp. 312 Fälle). Allerdings scheint der vermehrte Rückgriff darauf bei der Freitodbegleitung, mit dem Ziel, dem Leid bei chronischen Krankheiten ein Ende zu setzen, zu dieser Entwicklung beigetragen zu haben, was dazu führte, dass diese Fälle ab 2009 aus den Statistiken ausgeschlossen wurden. Seither variierte die Anzahl der Todesfälle zwischen 39 (2012) und 65 (2010) Fällen.

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